Es gibt Orte, an denen Kunst nicht nur betrachtet, sondern in Bewegung gesetzt wird. Das MECHANICUM in Rüdesheim am Rhein – beheimatet in den historischen Räumen der alten Asbach Uralt Brennerei – ist genau so ein Ort der bewegenden und beweglichen Kunst. Als weltweit einzigartiges, interaktives Museum für kinetische Kunst beherbergt es über 100 beeindruckende, liebevoll kuratierte Objekte aus mehreren Jahrhunderten. Von nostalgischen Hebelsystemen bis zu bizarren, humorvollen Figuren werden die Stücke erst durch die Interaktion der Besucher – per Fußpedal, Schalter oder Sensor – lebendig.
Hier begegnen sich ironische Objekte wie das schurrenhafte »Besenwesen«, augenzwinkernde Inszenierungen weltumwobener Legenden – etwa der fiktive Liebesbrief von J. F. Kennedy an Marilyn Monroe – oder auch faszinierende Murmelbahnen. Doch inmitten dieser spielerischen, kinetischen Poesie verbirgt sich ein Herzstück von gefühlt zeitloser Aktualität: die zeit- und kunstgeschichtlich außergewöhnliche sowie hochbrisante Spezialsammlung »Automatas gegen den Krieg«.
Ein Mahnmal aus Zahnrädern & Protest
Die Wurzeln dieser außergewöhnlichen Dauerausstellung reichen in die Zeit des Golfkriegs zurück: Initiiert von Guido Accascina (Modern Automata Museum nahe Rom), erschufen Künstlerinnen und Künstler weltweit kinetische Skulpturen als aktiven, künstlerischen Friedensprotest. Nach dem verheerenden Erdbeben in Italien im Jahr 2016 fand diese historisch wie emotional wertvolle Sammlung in Rüdesheim eine neue Heimat. Hier verwandelt sich die Faszination für Mechanik in eine visuelle und akustische Anklage gegen den Wahn des Krieges und das Wettrüsten – und doch unaufdringlich, still und leise.
Die psychologische Kinetik eines Friedenssymbols
In diese immersive Kulisse fügt sich DENKSTAHLs Werk REMAINS OF PEACE nicht nur nahtlos ein – es verankert den historischen Protest direkt in unserer Gegenwart.
Während die kinetischen Automaten durch ihr ständiges Ticken und Bewegen die unerbittliche Maschinerie von Entfremdung und Gewalt vorführen, setzt DENKSTAHLs Taube genau dort an, wo die Mechanik verstummt. Weiß auf tiefem Schwarz entfaltet die zersiebte Friedenstaube ihre ganz eigene, psychologische Dynamik. Entgegen der automatisierten Gleichgültigkeit einer Welt, die dem Schmerz oft nur noch passiv zusieht, fliegt sie weiter: verletzt, gezeichnet, zersiebt – und dennoch unermüdlich.
Im Dialog mit den ratternden, klopfenden und ächzenden Friedensautomaten steht dieses aus dem Fernsehen bekannte Bildnis als unübersehbares Mahnmal gegen die Fragilität unseres Zusammenlebens: ein intellektuelles, ästhetisches und zutiefst berührendes Statement für die Unverhandelbarkeit von Frieden und Freiheit.
Ilknur Özen
Meisterin der schönen Künste | Galerie & Verlag Vollherzig